
Heute, aus gegebenem Anlass, kommt ein kleiner Eintrag zu einem Thema, das mit unserer Auswanderung so gar nichts zu tun hat: Star Trek. – Und bitte, liebe Nicht-Fans, lest diesen Artikel trotzdem. Es könnte sich eventuell lohnen.
Man könnte sagen, dass es J. J. Abrams zur Zeit recht gut hat. Der Mann hat als Produzent seine Finger in den erfolgreichsten Hollywood-Produktionen wie Lost, Alias, Cloverfield oder Mission Impossible 3. Und nun wurde er gefragt ein Projekt zu übernehmen, das bei Paramount Pictures seit Jahrzehnten nur als „The Franchise“ bekannt ist. Er hat es übernommen und auf die schwierigste nur irgendwie mögliche Art umgesetzt.
Nicht-Trekkies, bitte verzeiht mir die folgenden zwei Paragraphen an Daten und Fachgesimpel.
Seit 1965, also seit fast viereinhalb Jahrzehnten, hat die Star Trek-Story gigantische Ausmaße angenommen. Sie hat die originale Crew von den kleinen auf den großen Schirm gebracht, wurde in Star Trek – The Next Generation an eine komplett neue Crew übergeben, wurde dann auf einer Raumstation und anderen Schiffen weiter erzählt (Deep Space 9 und die unterbewertete Voyager) und ging mit der kurzlebigen Serie Enterprise sogar bis zurück zu den Anfängen der Föderation.
Die unmögliche Aufgabe, die sich kein Mensch im Besitz seines vollen Verstandes aufgehalst hätte, war nun die originale Crew aus den 60ern neu zusammen zu stellen – darunter einige der wohl kultigsten Sci-Fi-Ikonen überhaupt – und völlig neu anzufangen. Irrsinn. Unsinn. Unmöglich. Aber wenn es eine Sache ist, die Abrams mit dem Film zeigt, dann die, dass nichts unmöglich ist. Er hat sich getraut, die Crew neu zu besetzen und das Franchise ganz neu zu beginnen. Es gibt sicherlich tausende Wege, das „junge Star Trek“ falsch zu machen, und er hat alles richtig gemacht.
Ich mag es nicht, Details aus der Story zu erzählen, also lasse ich es. Nur so viel sei gesagt: Der Film erzählt die Geschichte der originalen Enterprise-Crew von Kirks Geburt und Spocks Kindheit an über den Jungfernflug der Enterprise und seiner neuen Crew hin zum Höhepunkt im Kampf mit Eric Bana als bösen romulanischen Buben Nero, der die Erde zerstören will, blablabla.
Das Script ist flott, intelligent und witzig wo es sein soll, die Schauspieler jung und sexy, passen sich gut in alles ein und bieten exakt die richtige Menge an Anlehnungen an die alten Versionen ihrer selbst, die wir alle so gut kennen, ohne in eine Parodie abzurutschen. Keine Überraschung ist es, dass Zachary Quinto mit seiner Performance allen die Show stielt, ganz so wie er es auch als Sylar in der Serie Heroes schafft. Sein Spock entspricht erschreckend dem von Leonard Nimoy und er kombiniert genau die richtige Menge an vulkanischer Kühle und halb-menschlichem Feuer, wenn er an genau den richtigen Stellen die Augenbraue hoch zieht um immer eine Ohrenspitze weit über allen anderen um ihm herum zu stehen.
Für die Fans gibt es jede Menge Hinweise auf die Vergangenheit (ein Tribble, das rot-uniformierte Crewmitglied mit Namen stirbt auf der Aussenmission, Captain Christopher Pike ist der ursprüngliche Captain auf der Enterprise bevor Shatner damals übernommen hatte, und so weiter), aber davon lässt sich Abrams dennoch in keinster Weise einschränken. Das hier ist eine völlig neue Story, und durch ein klug geschriebenes Drehbuch befreit er sich von allen Regeln und Geschichtssträngen, die über die vergangenen viereinhalb Jahrzehnte aufgebaut wurden. Er kreiert ganz neue Computeroberflächen und Designs, schmeisst gewohnte Beziehungsmuster zwischen den wichtigsten Crewmitgleidern über den Haufen, die Schiffe werden nun nicht im Raumdock sondern den Iowa Flats gebaut, eine Bar sieht verdächtig stark nach einer aus dem 20. Jahrhundert aus, bastelt sich völlig neue, jedoch logische und stimmige Hintergrundgeschichten zusammen und benutzt Michael Giacchinos packenden Soundtrack um den Zuschauer während seinen actiongeladenen Schlachten im All regelrecht in die Sitze zu prügeln.
Um ganz ehrlich zu sein, als absolut eingefleischter Star Trek-Fan hatte ich wirklich so meine Bedenken und Sorgen, als ich in die Vorstellung ging. Die Szenen, die man vorher in den Trailern gesehen hatte, waren gut. Aber das war keine Garantie dafür, dass das ganze Ding sich gut zusammenfügt und auch noch einen Sinn ergibt. Wer Abrams Mission Impossible 3 gesehen hat, versteht diese Sorgen. Ich ging jedenfalls mit gemischten Gefühlen und der unguten Vorahnung mit Lisa in die Vorstellung, dass sich an diesem Tag das Franchise selbst vernichten würde. Jedoch kamen wir beide mit nur einer einzigen Frage wieder aus dem Saal heraus: „Könnten wir die Fortsetzung bitte jetzt schon sehen?“ Man muss keine der Serien und keinen der vorherigen Filme gesehen haben um diesen Film als einen der unterhaltsamsten und besten von 2009 zu empfinden. Lisa wird das bestätigen können.
Neuanfänge sind verflucht schwer. Für jeden Batman Begins liegen eine Menge Superman Returns und Casino Royales halbtot am Strassenrand. Star Trek fällt ohne Zweifel in die erste Kategorie. Und nicht nur das, hat es doch nun das Potential, aus seinem Kreis eingefleischter Sci-Fi-Fans herauszubrechen und als Action-Streifen ganz neue Zuschauerschaften zu erschliessen.
J. J. Abrams hat sich dem Kobayashi Maru-Test gestellt und ihn nicht nur bestanden, sondern hat sich auch seine ganz eigene Auszeichnung für originelles Denken verdient.
Er hat ein beinahe heiliges Stück Pop-Kultur genommen und etwas völlig Neues daraus gemacht, das absolut am Puls der Zeit ist, modern und fesselnd, und hat dabei Dinge intakt gelassen, die vielen Leuten seit Mitte der 60er Jahre ans Herz gewachsen sind.
Das Franchise ist wirklich neu geboren.